Wir sind KAF, ein Kollektiv für den Anarchaqueerfeminismus. Wir haben uns zusammengetan, nachdem wir 2022 den Kongress „Together in Love and Rage – für die anarchaqueerfeministische Revolte“ veranstaltet haben.
Wir haben gemerkt, dass uns das gemeinsame Diskutieren und Handeln zum aktuellen
Geschehen in Verbindung mit Grundsatzdebatten Kraft gibt. Das ist uns in Zeiten der Isolation und staatlichen Zentralisierung während der Covid-Pandemie besonders aufgefallen. Deswegen haben wir beschlossen uns gemeinsam langfristig und öffentlich zu organisieren.
Unsere geteilten Grundsätze sind anarchistisch, queerfeministisch1, antikolonial und antikapitalistisch. Das bedeutet auch, dass wir uns selbstverwaltet organisieren. Widerständige Positionen werden immer weiter an den Rand gedrängt. Um diese in öffentliche Diskurse zu bringen, eine Ansprechbarkeit zu schaffen, Kontinuitäten aufzuzeigen und Organisierung und deren Notwendigkeit sichtbar zu machen, haben wir uns entschieden uns öffentlich zu organisieren.
Wir wohnen in Berlin, Deutschland – einem Land, von dem Unterdrückung
und Ausbeutung ausgeht und welches maßgeblich davon profitiert.
Machtstrategien die wir hier besonders sehen sind die Trennung – von uns selbst, voneinander und von den Orten, an denen wir leben. Das schafft ein Gefühl von Ohnmacht und Einsamkeit, welchem wir entgegenwirken wollen. Unsere Antwort darauf ist Gemeinschaftlichkeit und revolutionäre Inhalte zu stärken. Das fühlt sich oft mühsam und kleinschrittig an, und ist gleichzeitig die stärkste Wehr, die wir haben können. Das Unkontrollierbare – unsere sozialen Beziehungen – werden versucht unter Kontrolle zu bringen durch Bürokratisierung und der vermeintlich einzigen Möglichkeit uns zusammenzutun: der Kleinfamilie.
Diese Strukturen wollen wir im Außen und in uns selbst angreifen und verändern. Für das Dekonstruieren der Machtstrukturen in uns machen wir Persönlichkeitsarbeit und versuchen immer wieder klassistische, patriarchale und koloniale Anteile zu entdecken und zu verändern. Dafür sehen wir uns auch als füreinander verantwortliches Kollektiv.
Im Folgenden Selbstverständnis gehen wir auf 8 Grundpfeiler ein, nach denen wir
unsere Organisierung ausrichten. Eine sehr große Inspiration dafür war die Gruppe La Maquia in Barcelona.
Wir haben uns dazu entschlossen diesen Organisierungsvorschlag öffentlich zu machen, um unsere Positionen nach außen zu tragen und diese sichtbar und diskutierbar zu machen. Außerdem freuen wir uns wenn dies auch andere zur Organisierung inspiriert.
Unterschiedliche Kämpfe und ein gemeinsames, brennendes Herz
in Liebe und Wut,
KAF – Kollektiv für Anarchaqueerfeminismus
Fußnote 1: Wir bilden uns aktuell dazu und diskutieren, welchen Feminismus wir wollen.
1. Anarchismus
Im Anarchismus finden wir unseren Anspruch an antiautoritärer Selbstorganisierung wieder, abseits von Nationalstaat, Kapital und Macht und in Bekämpfung dessen. Inspiration haben wir bekommen aus Theorien zum Demokratischen Konföderationalismus und dem Especifismo. Wir sind uns bewusst, dass es keine individuelle Befreiung geben kann, ohne gesellschaftliche Befreiung, also dass wir nur frei sein können, wenn alle frei sind. Wir verstehen uns auf unserem Weg daher als stete Antagonist:innen von Staat, Macht und Kapital. Wir stärken uns darin als Individuen im Sinne von Gemeinschaftlichkeit. Wir glauben an eine Gesellschaft und Menschen, die sich selbst verwaltet, dezentral und in kommunitären Strukturen organisieren.
Patriarchat, Kolonialismus und Kapitalismus gehen zusammen einher und bauen
aufeinander auf. Deswegen ist unser Anarchismus ein feministischer, antikolonialer und antikapitalistischer. Wir wollen mit diesen Strukturen brechen, im Außen und mit den Teilen in uns. Wir streben eine soziale Revolution auf dem Weg zur Befreiung an, im Hier und Jetzt.
2. Körper und Territorium
Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus versuchen die Beziehungen zu unserem Körper und unserer Umgebung zu zerstören. Das passiert dadurch, dass uns Erfahrungen abgesprochen werden, medizinisches Wissen professionalisiert wird und wir zum Beispiel durch Gentrifizierung die Verantwortung und Verbindung zu den Menschen und der Natur um uns herum verlieren. Orte existieren nur noch als Eigentum. Erinnern wir uns daran, dass weder Natur, noch Tier, noch Mensch Besitz sein kann.
Wir verorten uns in Berlin, einem Ort im Herzen der Bestie von dem sehr viel
Ausbeutung ausgeht und stattfindet, an dem viel Gewalt und Entfremdung wirkt. An dem sich aber auch so viel Widerständigkeit trifft: unter anderem Arbeitskämpfe z.B. im Gesundheitswesen, Nachbarschaftsarbeit und migrantische Selbstorganisierung.
Lasst uns unsere Herzen öffnen und in Verbindung treten.
3. Organisierung
In Organisierung sehen wir das notwendige Werkzeug, um eine Veränderung herbei zu führen.
In unserer Organisierung wollen wir individuell und kollektiv füreinander Verantwortung tragen, verbindlich und nachhaltig arbeiten und Ohnmachtsgefühle überwinden. Wir wollen so Vertrauen und Verbindung miteinander stärken und Ansprechbarkeit schaffen. Wir wollen dadurch Handlungsfähiger werden und nicht Organisierung zum selbstzweck werden lassen. Dafür stehen wir für Selbstverwaltung und gegen hierarchische Organisierung. Wir sehen in langfristiger Organisierung auch die Chance Strukturen aufzubauen und Kollektivität zu erschaffen welche außerhalb der in unserer Zeit vorgelebten Form, der Kleinfamilie passiert, sowie als Instrument gegen die Individualisieruung. Wir teilen Ressourcen, bündeln Energie und stärken uns durch das schärfen unserer Analysen und das bestärken in Entscheidungen.
Internalisierte underdrückende Mechanismen wollen wir abbauen. Eigenschaften, die wir stärken möchten, sind z.B. verantwortliche, selbstbestimmte, kollektive, revolutionäre. Unsere Haltung und Persönlichkeitsarbeit bedeutet unsere Arbeit ernstzunehmen und uns und anderen wohlwollend zu begegnen. Wir arbeiten daran Widersprüche und Frustration abzubauen. Uns ist es wichtig unsere Fokusse zu setzen und Strategien zu entwickeln um nicht willkürlich zu agieren. Wir wollen überlegt vorgehen damit sich unser Handeln einer revolutionären Praxis nähert.
Wir wollen sowohl als Einzelpersonen, als auch als Gruppe kritikfähig sein, wobei
Kritik nicht als Waffe, sondern als Werkzeug zum lernen genutzt werden soll.
4. Nicht patriarchale Militanz
Militanz nutzen wir als Angriff auf bestehende Verhältnisse. Auf die Gewalt die auf uns, unsere Körper und unsere Freund:innen einwirkt reagieren wir mit Gegengewalt. Wir stehen für ein
feministisches Verständnis von Militanz. Das bedeutet für uns ein solidarisches Denken, fragend voran zuschreiten, unsere Körper nicht zu dressieren, sondern mit ihnen zu wachsen und aus Fehlern lernen zu können. Dabei denken wir nicht binär, es gibt nicht schwach und stark, gut und böse, sondern wir stehen in Beziehung zueinander. Unsere Militanz muss nicht gewaltvoll sein, sie äußert sich in einer klaren Haltung und der Selbstermächtigung. Wir handeln aus der Selbstverteidigung heraus, darin wollen wir Risiko eingehen und mutig sein. Wir wollen gemeinsam daran arbeiten den patriarchalen Militarismus aufzubrechen und eine antipatriarchale Militanz aufbauen, in der Gefühle, Verbundenheit und Verantwortung füreinander eine Rolle spielen. Sie zeigt unsere Haltung gegenüber den sich ständig veränderten und brutalen Angriffen auf unsere Würde und unsere Menschlichkeit. Es ist ein Weg der nicht der individuellen Selbstverbesserung dient, sondern ein Weg des Individuums in und mit der Gemeinschaft hin zu Verbundenheit und Kollektivität.
5. Separatistische/Autonome Organisierung
Wir organisieren uns ohne Cis-Männer. Dieser Rahmen ist kein Selbstzweck, sondern
ein Lernraum uns patriarchaler Machtverhältnisse bewusst zu werden und uns gegenseitig zu ermächtigen. Wir erarbeiten uns gemeinsam eine Sprache zur Benennung von patriarchaler Struktur und schärfen unser Bewusstsein. Patriarchat betrifft und wirkt in allen Menschen, trotzdem wollen wir Räume schaffen ohne einen Fokus auf cis-Männer. Wir wollen Konkurrenzdenken abbauen, da wir gelernt haben uns in patriarchalen Verhältnissen von anderen Frauen, Lesben, Inter Personen, Nichtbinären Personen, Trans Personen und Agender Personen (FLINTA*s) abzugrenzen und gegeneinander zu arbeiten, anstatt uns zu verbünden. Wir wollen kollektive Erfahrungen machen und uns stärken in all-gender Räume zu gehen. Seperate Organisierung ist wichtig, um als FLINTA*s gemeinsam eine neue Kultur
zu schaffen, Rollen in Gruppen anders zu gestalten. Es bedeutet für uns auch mehr Zeit für unsere Inhalte zu haben, anstatt sich an patriarchalem Verhalten abzuarbeiten.
Separatismus ist für uns eine Methode und kein Ziel.
6. Revolutionäre Mystik
Revolutionäre Mystik ist für uns eine Antwort auf die Frage nach der Verbindung
zwischen unseren Kämpfen, uns selbst, unseren Genoss*innen nah-und weit, damals-und heute. Eine nicht rationale Antwort in einem Ort der Welt in dem versucht wird alles zu rationalisieren und zu vermarkten.
Die revolutionäre Mystik steckt in unseren Beziehungen, in unseren Verbindungen und
in unseren Körpern. Sie ist verbunden mit einem kollektiven Körper, mit unseren
Ahn:innen, mit allen verbrannten Hexen und Revolutionär:innen, die vor uns waren und nach uns kommen werden. Die revolutionäre Mystik ist die Gewissheit, die Intuition, eine spirituelle, antirationale Antwort unserer Körper und unserer Seelen. In dem Wissen, dass es eine Geschichte der Erde vor dem Kolonialismus und dem Kapitalismus gegeben hat und in Zukunft geben wird. Die revolutionäre Mystik führt uns auf eine lebenslange Suche nach konkreten Kämpfen und Bewegungen.
7. Allianzen
Wir kämpfen nicht alleine, sondern gehen Allianzen mit vielen anderen
Strömungen, Kollektiven und Gruppen ein. Eine soziale Bewegung braucht viele
verschiedene Anknüfpungs- und Verbindungspunkte, um sich mit anderen kämpfenden Zusammenhängen sowie der Gesellschaft in Bezug zu setzen. Aus tiefer politischer Überzeugung und Haltung heraus, ist unser Kampf um Befreiung international. Wir verbinden uns mit Gefährt:innen in anderen Kontexten hier und weltweit. Das gibt uns Stärke und Inspiration. Unsere Analysen lassen uns daneben aber auch strategische Verbindung eingehen, hierbei arbeiten wir über Affinität hinaus. Denn um widerständige Bewegungen aufzubauen, müssen wir zusammenkommen, auch an Punkten wo wir nicht immer gleicher Meinung sind. Wir wollen in Diskussion gehen und solidarisch kritisieren, anstatt Abgrenzung und Spaltung vorzuziehen.
8. Widerständige Geschichte
Wir sind auf der Suche nach unseren eigenen Geschichten und vertrauen nicht den
Erzählungen der Macht. Das bedeutet für uns Wissen aus Zeiten vor dem kapitalistischen Patriarchat zu erarbeiten, das in der herrschenden Geschichtsschreibung nicht vorkommt. Wir hinterfragen Wahrheiten, die wir gelernt haben. Wir glauben nicht an eine lineare Geschichtschreibung und demaskieren die Lüge des Fortschritts. Wir wollen den Geschichten von Unten zuhören und uns auf lokale und weltweite gesellschaftliche Befreiungskämpfe beziehen und dieser gedenken. Dabei ist es wichtig, nicht nur dem geschriebenen Wort einen Wert zu geben und uns Wissen wieder anzueigenen, was in Deutschland z.B. durch die Hexenverbrennung und den Nationalsozialismus versucht wurde zu zerstören. Von einander lernend mit dem Ziel Wissen und Perspektiven zu entwickeln für eine gesellschaftliche Veränderung und Befreiung. Wir wollen mit an einem Netz spinnen der Geschichten des Widerstandes früher, heute und für die Zukunft.
Lasst uns Banden bilden. bis bald!